Vorsicht, die Chinesen kommen

Alles begann mit der Minderheitsbeteiligung (24.9 Prozent) des chinesischen Staatskonzerns Cosco an einem Terminal des Hamburger Hafens. In Anbetracht der brisanten geopolitischen Lage (Taiwan-Konflikt, Ukraine-Krieg) nimmt die Diskussion über eine zu grosse Abhängigkeit von China in Deutschland richtig Fahrt auf. Offensichtlich lernt die Politik jedoch dazu. Wirtschaftsminister Habeck untersagte den Verkauf einer Chipfabrik der Dortmunder Elmos Semiconductor SE an einen chinesischen Investor. So viel Weitsicht gab es nicht immer. Bereits 2016 hatte sich der chinesische Midea-Konzern 95 Prozent am Augsburger Roboterbauer Kuka gesichert. Die Kuka-Aktie wird nun in wenigen Wochen von der Börse verschwinden. 

Unabhängig von diesen politischen Entscheidungen stellen sich für Privatanleger ganz andere Fragen. Ist China überhaupt investierbar? Sanktionen – ähnlich wie im Falle Russlands – wären bei einem „Einmarsch“ in Taiwan höchstwahrscheinlich. Wenn wir dann den erwarteten US-Sanktionen wieder folgen (müssen), wird das unsere Wirtschaft noch heftiger treffen. Es ist eine Illusion, dass wir die China-Waren bei uns in Europa schnell herstellen können. Und wenn, dann nur zu wesentlich höheren Preisen. Die Inflationsrate könnte bei uns dann in Richtung 20 % steigen!

Fehlende Rechtssicherheit und staatlicher Dirigismus (Zero-Covid-Strategie!) machen Investments im Reich der Mitte höchst riskant. Diese Warnung gilt grundsätzlich für alle Länder ohne ausreichende Pressefreiheit. Wenn überhaupt: Indirekte Investments – also Aktien von ausländischen Unternehmen mit hohem China-Anteil am Umsatz – sind zu bevorzugen und doch mit Vorsicht zu geniessen.

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„Die Inflation ist nur ein temporäres Phänomen“ – dieses Mantra verbreitete die Europäische Zentralbank (EZB) noch Ende vergangenen Jahres fast gebetsmühlenartig. Nun wissen alle, dass es anders gekommen ist. Die Reaktion der Notenbanker: Sie hoben den Leitzins für die Eurozone seit diesem Sommer wieder deutlich über die Nulllinie (1.5 Prozent). Zum Vergleich: Die US-Notenbank (Fed) startete nicht nur früher mit dem Zinserhöhungszyklus, sondern ist auch schon viel weiter vorangekommen. In den USA liegt der Leitzins mittlerweile bei 4.0 Prozent! Nun lässt die EZB-Chefin Christine Lagarde (auch schon „Madame Inflation“ genannt) mit der nächsten Platitüde aufhorchen: „Die Inflation darf sich nicht festsetzen“. Bei soviel Chuzpe verschlägt es einem die Sprache. Seit Jahresbeginn waren die europäischen Währungshüter monatelang untätig, bevor sie der immer weiter schwächelnde Euro quasi zum Handeln nötigte.

Exemplarisch für dieses Zögern und Zaudern steht die EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Formal ist die EZB unabhängig. Aber kann sie das mit einer langjährigen französischen Ex-Finanzministerin an der Spitze wirklich sein? Der Verdacht liegt nahe, dass die EZB mit Rücksicht auf die hohe Verschuldung der Euro-Südländer die Zinsanhebung viel zu lange hinausgezögert hat.

Ein Blick in die Depots der EZB-Ratsmitglieder nährt unsere Zweifel an deren volkswirtschaftlicher Kompetenz. Mehr als die Hälfte der Mitglieder haben keine Kapitalmarktanlagen, also weder Aktien noch Anleihen noch Fonds in ihren Depots.

Und Christine Lagarde herself? Sie vertraut bei ihrer privaten Geldanlage einem Mischfonds der französischen Privatbank Oddo BHF. Diese Geldanlage brachte ihr in den vergangenen drei Jahren nach Kosten durchschnittlich weniger als 0.1 Prozent Rendite. Kein Zweifel, die europäischen Notenbanker befinden sich im zinspolitischen Blindflug. Etwaige Inflationsprognosen der EZB-Ratsmitglieder geniessen wir deshalb mit äusserster Vorsicht. Die fehlende Kapitalmarktexpertise des Gremiums erhöht die Wahrscheinlichkeit eines weiteren „policy errors“ ganz erheblich.

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Was spricht für eine Jahresendrally? Fundamental eigentlich nichts. Die geldpolitische Straffung der Notenbanken wird weiter Bestand haben. Das Wachstum wird sich weiter abschwächen. Das wird auch zu deutlichen Abstufungen bei den Unternehmensgewinnen führen. Dennoch gibt es einen handfesten Grund für eine Jahresendrally. Die Finanzindustrie, also auch die vielen Investmentfonds, „schwimmen“ im Geld. Und wollen zum Jahresende ihrer Kundschaft Gewinne oder nur kleinere Verluste für 2022 zeigen.

Also werden durch Käufe von wenigen Aktien deren Kurse nach oben „manipuliert“. Gleiches Spiel wie bei den „Bilanzkosmetik“ zum Stichtag. Spätestens Mitte Januar 2023 wäre dieser Effekt verpufft. Also: Wie verhalten wir Anleger uns aktuell konkret? Wer immer noch Standardaktien besitzt, kann vom Prinzip bis auf weiteres noch dabeibleiben. Das gilt für alle Menschen mit den „Buy-and-hold“-Depots. Auf Neukäufe in Länder-Index-Fonds wollen wir allerdings verzichten. Die Gewinnchancen sind uns nicht hoch genug. Wir haben Grund, anzunehmen, dass wir noch günstiger einkaufen können. Allerdings gibt es Lichtblicke. Einzelne Werte haben für „Stockpicker“ gute Chancen. Deshalb steigen wir dort jetzt ein. Aber bei den Indizes sind die nächsten Signale auf der Short-Seite!

 

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Ines Roos

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